„Was zum Teufel ist Wasser? Eine Abiturrede über Possibilismus“
Am 26. Juni 2026 durfte ich als Elternbeiratsvorsitzender die Rede bei der Abiturfeier des Franz-Ludwig-Gymnasiums Bamberg halten — und das in einer ganz besonderen Rolle: Meine Tochter Nelli war Teil des Abiturjahrgangs 2026. Nach 16 Jahren, drei Kindern und unzähligen Stunden als Elternvertreter war es ein Moment, der vieles zusammengebracht hat. Den Kern der Rede bildet ein Begriff, den ich erst vor Kurzem für mich entdeckt habe — und der mich seither nicht mehr loslässt: Possibilismus. Angeregt vom Ministerium für Neugier und Zukunftslust, verankert in einer Parabel von David Foster Wallace, und am Ende geerdet in einem konkreten Beispiel aus der Schulgemeinschaft des FLG.


Abiturrede – Franz-Ludwig-Gymnasium Bamberg am 26.06.2026
Christian Kaiser, Elternbeiratsvorsitzender
„Liebe Abiturient:innen,
liebe Eltern, Großeltern, Geschwister,
liebes Kollegium, liebe Saskia Hofmeister,
ich möchte mit einer kleinen Geschichte beginnen.
Schwimmen zwei junge Fische des Weges und treffen zufällig einen älteren Fisch, der in die Gegenrichtung unterwegs ist. Er nickt ihnen zu und sagt: „Morgen, Jungs. Wie ist das Wasser?“ Die zwei jungen Fische schwimmen eine Weile weiter — und schließlich wirft der eine dem anderen einen Blick zu und fragt: „Was zum Teufel ist Wasser?“
Diese Parabel, die David Foster Wallace in seiner berühmten Rede „This Is Water“ erzählt, ist mir nicht mehr aus dem Kopf gegangen, seit ich über heute nachgedacht habe.
Denn was ist Wasser?
Wasser ist das, was den Fischen so vertraut ist, dass sie es nicht mehr sehen. Und Euer Wasser — das ist diese Schule. Die Lehrer:innen, die jeden Morgen da waren. Die Mitschüler:innen, mit denen man durch dick und dünn gegangen ist. Die Gänge, durch die man nach vielen Jahren blindlings navigiert. Das Franz-Ludwig-Gymnasium „eine Schule, viele Talente“— mit Bigband und Basketball, Schülermediation und SMV, Fairtrade und Jugend forscht, Eisball und Sommerfest, und, und, und
Das war Euer Wasser. Ihr habt darin geatmet, ohne es immer zu merken.
Heute — genau heute — verlasst Ihr es.
Ich stehe in diesem Moment in einer besonderen Rolle. Elternbeirat seit vielen Jahren, Aber heute auch Vater. Denn neben allen Kindern, denen ich hier stellvertretend für alle Eltern gratulieren darf, sitzt meine Tochter Nelli in diesem Schulhof und feiert ihren Abschluss.
Sie ist das dritte unserer Kinder, das diese Schule durchlaufen hat. Das bedeutet: 16 Jahre Franz-Ludwig-Gymnasium. 16 Jahre, in denen diese Schule auch unser Wasser war — als Familie.
Und in diesen 16 Jahren habe ich diese Schule von innen kennengelernt: viele Elternabende, Elternbeiratssitzungen, Klassenelternsprecherversammlungen, Tage der offenen Tür, Feiern wie diese. Vielleicht bin ich damit so etwas wie der ältere Fisch aus der Geschichte — einer, der in die Gegenrichtung schwimmt und heute etwas weitergeben möchte.
Ihr verlasst diese Schule in herausfordernden Zeiten. Und es gibt ein Wort, das ich erst vor Kurzem für mich entdeckt habe — und das mich seither nicht mehr loslässt: Possibilismus.
Possibilismus — vom französischen possible, vom lateinischen possibilis, vom Verb posse: können, in der Lage sein. Das Mögliche. Keine blinde Zuversicht, keine lähmende Angst. Sondern die Kunst, das Mögliche zu sehen — und dafür zu arbeiten. Eine Lösung muss nicht wahrscheinlich sein, um es wert zu sein, für sie zu kämpfen, von ihr zu erzählen, Menschen zu ermutigen — solange sie möglich ist.
Das ist kein naiver Optimismus. Es ist kritische Zuversicht: die Haltung von Menschen, die aktiv nach dem Unbekannten suchen und die Zukunft nicht nur abwarten, sondern mutig mitgestalten.
Die Idee dazu verdanke ich dem Ministerium für Neugier und Zukunftslust, einer Initiative aus Österreich, die sich genau dafür einsetzt: positive Vorstellungen von der Zukunft zu entwickeln, die uns anziehen und leiten. Ihr Grundgedanke: Zukunft ist, was wir aus ihr machen. Und Neugier und Zukunftslust sind die wichtigsten Voraussetzungen dafür.
Im Januar 2025 gab es eine Premiere: nach der Neuwahl des Elternbeirats haben wir erstmals auch Schüler:innen der SMV zur traditionellen Strategiesitzung eingeladen. Gemeinsam haben Elternbeiräte, Lehrkräfte und Schüler:innen Erwartungen ausgetauscht, Themen diskutiert und Schwerpunkte gesetzt — nicht koordiniert nebeneinander, sondern wirklich zusammen. Aus diesem Abend entstanden sieben Arbeitskreise, in denen genau das seither gelebte Praxis ist.
Das hatte es in den 15 Jahren vorher so noch nicht gegeben. Und es war möglich — weil Menschen es möglich gemacht haben.
Possibilismus.
Dafür — und für so vieles mehr — möchte ich Danke sagen. Dem gesamten Kollegium für die Geduld, die Leidenschaft und die vielen unsichtbaren Stunden. Saskia Hofmeister für die Offenheit gegenüber einer Elternvertretung, die manchmal auch unbequeme Fragen stellt — und immer ein offenes Ohr gefunden hat. Allen Mitstreiter:innen im Elternbeirat über all diese Jahre. Und dieser Schule für das, was sie für meine Kinder war — und für alle Kinder, die heute hier sitzen.
Ihr lieben Abiturient:innen —
Ihr verlasst heute Euer Wasser. Ihr werdet merken, wie es sich anfühlt, wenn es plötzlich nicht mehr einfach da ist.
Nehmt es mit. Nicht als Nostalgie — sondern als Fundament.
Fragt Euch: Was ist mein Wasser? Was habt Ihr hier aufgesogen, fast ohne es zu merken? Welche Neugier, welche Fähigkeit, welche Haltung steckt in Euch — unsichtbar wie das Wasser für die Fische
Und dann: Seid Possibilist:innen. Schaut nicht nur auf das, was fehlt oder nicht klappt. Schaut auf das, was möglich ist. Und fangt an, den Weg beim Gehen zu bahnen.
Das Franz-Ludwig-Gymnasium hat Euch dafür alles mitgegeben, was Ihr braucht.
Den Rest — den macht Ihr selbst.
Herzlichen Glückwunsch zum Abitur!“


Wer den Gedanken des Possibilismus weiterspinnen möchte: Die Bamberger Botschafter:innen des Ministeriums für Neugier und Zukunftslust laden zu zwei Veranstaltungen ein — zum sozialen Hackathon Mach halt! am 27. und 28. November 2026 sowie zum Camp für Neugier und Zukunftslust in Bamberg am 19. und 20.03.2027. Beide Termine sind es wert.


